Ordnung ist nur das halbe Leben – wenn Aufräumen zwanghaft wird

 In Allgemein

Ordnungsexpertin Gabi Reiter kennt die Worte „Ordnung ist das halbe Leben“ sehr gut. Sie ist seit mehr als 15 Jahren mit ihrem Ordnungsservice im Einsatz. Manchmal sind ihre Aufträge aussergewöhnlich und erfordern ihre langjährige Erfahrung – so wie dieser hier:

„Bei mir müssen Sie nicht aufräumen!“

Wie bitte??? Da musste ich schon zweimal hinhören, wie die neue Kundin unser erstes Telefongespräch eröffnete. Normalerweise werde ich fürs Aufräumen und Organisieren gebucht, weil nach und nach die Unordnung überhandgenommen hat.

„ Wie kann ich Ihnen dann helfen?“ war meine einigermaßen verdutzte Frage an die Hilfesuchende. Insgeheim konnte ich nicht recht glauben, dass es wirklich gar nichts zu sortieren und wegzuräumen gäbe. Auch nicht nach weiteren Schilderungen, dass alles an seinem Platz, durchsortiert und gut organisiert sei. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass genau diese Überorganisation das Problem darstellte. 

Ihre sich selbst auferlegten Anforderungen an tägliches Putzen und Aufräumen wollte diKundin vereinfachen und zeitsparender organisieren.
Trotzdem hatte ich zu Ende des Gesprächs noch etliche Fragezeichen im Gesicht. Von einem Putz- und Aufräumzwang ahnte ich zu der Zeit noch nichts. 

 

Anspruch und Auftrag 

Vor Ort staunte ich nicht schlecht: das hatte ich nicht erwartetCa 250 qm, bewohnt von zwei Personen, vom Keller bis zum Dach bis ins kleinste Detail penibel aufgeräumt, sauber geputzt und dekoriert bis in den allerletzten Winkel. Eine Mammutaufgabe, vor allem weil Inventar und Gebrauchsgegenstände im Überfluss vorhanden waren.

Die Begehung eröffnete eine Mischung aus kreativen und ausgezeichneten Ordnungsideen bis hin zu beispiellosem, bis auf die Spitze getriebenem Perfektionismus. Nichts wurde dem Zufall überlassen; Behälter, Aufbewahrungseinheiten und Farbkonzepte passgenau aufeinander abgestimmt.
Ein Haus zum Wohlfühlen, könnte man meinen, wo doch alles seinen angestammten Platz hat. Ein Haus, in dem nichts dem Zufall überlassen ist, tolle Sortiersysteme das Aufräumen erleichtern und es keine einzige Kramschublade gibt. Wenn aber ein solcher Perfektionismus und absolute Sauberkeit keine Nachgiebigkeit duldet, erfordert das einen dauerhaften Einsatz – dann ist Ordnung mehr als das halbe Leben. Hier kam nun meine Dienstleistung ins Spiel der straffe Putzplan mit täglichen, wöchentlichen und monatlichen Vorgaben sollte gelockert und die Aufgaben gebündelt werden. 

 

Perfektion oder Ordnungszwang? 

Wie kam es zu diesem perfektionistischen Anspruch an Ordnung und Sauberkeit, was steckt dahinter, was treibt sie an? Diese Dinge gemeinsam zu reflektieren half meiner Kundin, einen neuen Blick auf die Verhältnismäßigkeit der Situation zu bekommen. Dass dabei auch der Umgang mit sozialen Medien, das Beobachten und Vergleichen mit anderen Nutzern – „es gibt noch Bessere!“ (O-Ton der Kundin) einen enormen Druck aufbauen und die Selbstdarstellung im Alltag auffallend beeinflussen kann, wurde mir in diesem Gespräch deutlich bewusst. 

Es liegt mir allerdings fern, dieses zweifellos ausgesprochen anspruchsvolle Bedürfnis der Kundin an ein aufgeräumtes Zuhause zu bewerten, weder als übertrieben, geschweige denn zwanghaft. Denn der Wunsch nach einer besseren Ordnung liegt hier, wie so oft, in einer eher unaufgeräumten Vergangenheit begründet. Einmal damit angefangen etwas zu verbessern, hat es sie regelrecht gepackt den Drang nach einer perfekten Ordnung im ganzen Haus umzusetzen. Alles soll seinen Platz haben, das ist ihr wichtig und so fühlt sie sich wohl. Den Spaß an der Sache merkt man ihr an. Es ist ihre persönliche Vorstellung von Ordnung.

  

Von der Pflicht zur Lässigkeit 

Mit der Zeit forderte der eigene Anspruch allerdings seinen Tribut, weil das Pflegen und Sauberhalten der Wohn – und Nutzflächen praktisch dauerhaften Einsatz bedeuteten. Der Grat zwischen sinnvoller Ordnung und peniblem Zwang, kein Stäubchen zuzulassen, ist hier oft sehr schmal. Dass Ordnung nur das halbe Leben ist, spürte die Kundin also schon länger und vermisste mehr von der anderen Hälfte.

 
Was wünscht sie sich für die Zukunft, für den Alltag? Was ist ihr Ziel, wie möchte sie ihre Woche gestalten, wie mit Ihrer Zeit umgehen? Diese Fragen zu beantworten, war die Grundlage für das Auflösen der strengen Putz -und Aufräume Regeln. Was ist an Arbeitsaufwand wirklich nötig, was ausreichend, was kann man einfach sein lassen? Das gemeinsam herauszuarbeiten, war die Aufgabe.

Eine gut organisierte Grundordnung ist ja die beste Voraussetzung, um auch mal fünf gerade sein zu lassen. Anstelle ständigen Saubermachens bekommen jetzt neue Prioritäten Vorrang. Zeit für Hobbies und Freunde oder Entspannung in der Natur stehen jetzt im Vordergrund. Endlich kann die Kundin ihr schönes Zuhause wirklich genießen, ganz ohne schlechtes Gewissen. 

„Hallo Frau Reiter, der Besuch von Ihnen hat mir sehr gutgetan. Inzwischen haben sich meine Hausarbeiten auf ein normales und angemessenes Maß eingespielt. Ordentlich, bzw. aufgeräumt ist es immer noch, aber den Anspruch möchte ich nicht aufgeben. Mein Mann und ich gehen oft spazieren und ich genieße die Mehrzeit; auch sehr oft im Bastelzimmer.“ 

Als Ordnungsexpertin von www.ordnungsservice.com gehe ich achtsam mit den ganz unterschiedlichen, persönlichen Wünschen meiner Kunden um. Es gibt kein Ordnungsdiktat, das uns vorschreibt wie genau die richtige Ordnung auszusehen hat. Wir finden gemeinsam die für Sie passende Ordnung. Sie soll das Leben schöner machen und den Alltag einfacher. Dann passt es. 

Gabi Reiter www.ordnungslust.de, Raum Stuttgart

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