Warum wir vieles aufheben und es dann nie mehr anschauen …
… und weshalb Loslassen oft leichter fällt, wenn wir etwas Wichtiges verstehen: Wir neigen dazu, Erinnerungen mit Dingen zu verknüpfen.
Kennen Sie diese eine Schublade?
Die mit den Konzerttickets von 1998, den Geburtstagskarten der Kinder, der Speisekarte vom Italienurlaub oder der Bedienungsanleitung eines Föns, der längst auf dem Wertstoffhof gelandet ist.
Viele Menschen bewahren solche Dinge auf, weil sie glauben, damit einen Wert oder eine Erinnerung festzuhalten. Kann man irgendwie doch verstehen. Aber stimmt das eigentlich?
Dann ist da immer der gleiche, interessante Moment
In meiner Arbeit als Ordnungsexpertin erlebe ich immer wieder so oder so ähnlich solch einen Moment:
Eine Kundin hält einen Gegenstand in der Hand und erzählt plötzlich eine Geschichte. Von einer Reise nach Asien. Von einer Freundschaft, die es nicht mehr gibt. Von einer Krankheit. Die Erinnerung ist sofort da, oft sogar erstaunlich detailliert. Die Erinnerung war eigentlich die ganze Zeit da.
Der Gegenstand war lediglich der Auslöser
Das erklärt auch, warum manche Menschen Kisten voller Erinnerungsstücke anhäufen, die sie seit Jahren nicht geöffnet haben. Oder von denen sie gar nicht mehr wissen, dass sie sie überhaupt noch haben. Die Dinge werden aufbewahrt, aber die Erinnerungen werden gar nicht mehr genutzt. Das ist ein bisschen so, als würde man ein Fotoalbum im Keller einschließen und gleichzeitig Angst haben, die Bilder zu verlieren.
Und wenn wir ehrlich zu uns sind, ist es doch so: Welche Stücke in diesem Meer aus Erinnerungsstücken, die traurig in dunklen, muffigen Kisten vor sich hin dümpeln, wirklich wichtig sind, können wir bei der Menge gar nicht mehr feststellen. Wenn die Schublade voller Andenken ist, verschwimmt irgendwann der Blick für die wenigen Dinge, die uns wirklich am Herzen liegen. Wenn alles wichtig ist, fühlt sich am Ende nichts mehr besonders an. So wie diese Schublade voller Ladekabel. Irgendwann weiß niemand mehr, welches überhaupt noch gebraucht wird.
Meine eigene Erfahrung mit Dingen und Erinnerungen
Als ich vor einiger Zeit die Wohnung meines Papas ausräumen musste, war ich zuerst total überwältigt. Die ganze Wohnung war eine einzige Ansammlung von Andenken. Überall waren Erinnerungen und Familiengeschichten. Ganz zu schweigen von der Trauer und dem Gefühl des Verlusts. Ohne meine Erfahrungen als Aufräumexpertin wäre ich wahrscheinlich noch heute damit beschäftigt, die Wohnung aufzulösen.
Meine Strategie sah so aus:
Ich ging von Raum zu Raum und nahm mir einzelne Stücke heraus, von denen ich mir vorstellen konnte, sie bei mir zu Hause aktiv einzusetzen:
Kann ich damit etwas dekorieren? Gerahmte Bilder, Kerzenhalter oder eine Schale?
Oder kann ich sie konkret benutzen? Wie zum Beispiel eine gute Haushaltsschere, eine Vase oder schönes Geschirr, das ich täglich nutzen möchte?
Und ganz wichtig: Welche Art von Gefühl erwecken die Gegenstände? Ich achtete darauf, dass alle Dinge, die ich behalten habe, nur schöne und liebevolle Gefühle hervorrufen. So begleiten mich diese handverlesenen Stücke im Alltag und machen mich immer ein bisschen glücklich, wenn ich sie sehe oder benutze.
Die kleine Geschichte meiner Kundschaft
Eine Kundin sagte einmal zu mir: „Wenn ich diesen etwas zerrupften Kindergartenbastelstern weggebe, verliere ich doch ein Stück meiner Tochter!“ Das ist eine schöne und sehr ehrliche Aussage. Nach kurzem Nachdenken musste sie allerdings selbst lachen. Ihre Tochter war zu diesem Zeitpunkt bereits 36 Jahre alt, verheiratet und selbst Mutter von zwei Kindern. Der Bastelstern war ja nicht ihre Tochter gewesen. Er war nur eine Erinnerung an eine schöne Zeit. Und diese Erinnerung blieb auch dann erhalten, als der zerzauste Stern später gehen durfte.
Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis.
Nicht alles, was wir loslassen, verschwindet aus unserem Leben. Manches bleibt: Die Erfahrung, die Geschichten und auch das Gefühl. In meiner Arbeit beobachte ich, dass Menschen nicht die Erinnerungen loslassen. Sie lassen lediglich die Dinge los, die stellvertretend dafür aufbewahrt wurden. Denn das schafft Platz, nicht nur im Regal, sondern auch im Kopf. Ein paar ausgesuchte Erinnerungsstücke, die wir ehrlich würdigen, indem wir sie als Dekoration oder sogar als Nutzgegenstand einsetzen, erfüllen uns mit mehr Glücksgefühlen als muffige Kisten voller Zeug.
Ein kleiner Impuls für heute:
Nehmen Sie einen Gegenstand in die Hand, den Sie ausschließlich aus Erinnerungsgründen aufbewahren. Schauen Sie ihn genau an und fragen Sie sich: Würde die Erinnerung wirklich verschwinden, wenn dieser Gegenstand morgen nicht mehr da wäre? Die Antwort fällt meist überraschend klar aus.
An welchen Dingen halten SIE fest?
Ihre Angelika Brenner im Raum Stuttgart / Ulm
KonMari Master / Wohnstylistin
